08.06.2018 |

Neue Fahrzeugkonzepte für die Stadt – Was setzt sich durch?

Das siebte Smart Mobility Forum der eMO und Berlin Partner hat sich in dieser Woche mit dem Thema urbane Logistik und vor allem mit Fahrzeugkonzepten für die letzte Meile beschätigt.

Vernetzt, elektrisch und bedarfsgerecht – so soll das Fahrzeug der Zukunft für die Stadt sein. Vor allem in der City Logistik besteht ein hoher Bedarf nach innovativen Fahrzeugkonzepten. Der Markt ist in Bewegung und neue Ideen für das idealtypische Lieferfahrzeug kommen aus allen Richtungen – sowohl von etablierten Unternehmen, als auch der Start-up Szene. Doch was sind wirklich gelungene Fahrzeugkonzepte und was wird sich zukünftig durchsetzen?

Diese Fragen wurden am gestrigen Mittwoch im siebten Smart Mobility Forum das die eMO gemeinsam mit Berlin Partner und ihrem Partnerunternehmen IAV durchgeführt hat diskutiert.

Ein Unternehmen in der Transformation: Das sei die IAV, so Kai-Stefan Linnenkohl, Geschäftsführer und Arbeitsdirektor des Moabiter Unternehmens IAV in seiner Begrüßung der rund 60 Teilnehmer des Forums. Ursprünglich als Entwickler von Fahrzeugen habe sich die IAV als Start-up der Technischen Universität hin zu einem Ingenieursdienstleister unter anderem für alternative Antriebe gewandelt. Mehr als die Hälfte der weltweit 7000 Mitarbeiter seien mit Letzterem beschäftigt.

Anlässlich der bevorstehenden Fußball WM erlaubte sich Jonas Nietschke, Leiter Practice Digital Innovation, Consulting4Drive – einem Tochterunternehmen der IAV – eine Analogie: "Der urbane Raum als Spielfeld für Mobilität - Timeout oder Spiel laufen lassen?" hieß sein Vortrag, in dem er die "Mobilität als Spielfeld", nötige Regulierungen als  "Steuerung des Spiels" und den Bedarf nach spezifischen Fahrzeugen als "Bedarf an Spielgeräten" bezeichnete. Seiner Meinung nach sollen künftig Städte als "Schiedsrichter" agieren, die die unterschiedlichen Mobilitätsangebote mit den Bedürfnissen nach weniger Verkehr, funktionierender Logistik und lebenswerten Städten in Einklang bringen. Dafür sei zwar einerseits rasches Umsetzen von Fahrzeugkonzepten aber gleichzeitig auch evolutionäre statt disruptiver Entwicklung nötig.
Den "Städtischen Blickwinkel" nahm Christian Rudolph, Gruppenleiter Last Mile Logistik und Güterverkehr beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR ein. Titel seines Vortrags: "Herausforderungen der City Logistik und Berliner Projektbeispiele". Nicht nur durch den wachsenden Onlinehandel, der immer häufiger auch Lebensmittellieferungen umfasse, sei Berlin nach München und Hamburg die Nummer drei beim Stau. Handlungsmöglichkeiten der Stadt sieht Rudolph neben der Elektrifizierung von Lieferfahrzeugen, die immer mehr Unternehmen angehen würden, in der Parkraumbewirtschaftung, einem kohärenten Lieferkonzept, Bereitstellung von Logistikflächen besonders in der Förderung von Innovationen, wie sie die eMO vorantreibe. In verschiedenen Projekten, wie der Zustellung von Paketen mithilfe von Lastenrädern in Adlershof oder dem Projekt KoMoDo in Prenzlauer Berg habe sich gezeigt, dass die Belieferung mit dem Fahrrad am günstigsten sei. der DLR-Wissenschaftler plädierte darüber hinaus für die Einrichtung von Testfeldern für das autonome Fahren.

Aus der Unternehmensperspektive betrachtete Marten Bosselmann, Geschäftsführer vom Bundesverband Paket & Expresslogistik BIEK neue Konzepte für die Logistik. "Welche Logistik- und Fahrzeugkonzepte braucht die Branche wirklich?" lautete der Titel seines Vortrags. Angesichts des boomenden Onlinehandels und rasant steigender Anzahl der Paketlieferungen ist Bosselmann überzeugt, dass die Zustellung nach Hause zukünftig ein Premiumprodukt der KEP-Branche sein wird. Obgleich er davon ausgeht, dass technische Innovationen und neue Geschäftsmodelle wie Daten- und Trackinglösungen, autonom fahrende Zustellfahrzeuge und Mikrodepots dabei helfen werden, die Herausforderungen in der urbanen Logistik zu bewältigen, ist Bosselmann gleichzeitig überzeugt, dass vor allem Rechtssicherheit, z.B. für die Einrichtung von Ladezonen nötig ist. Sein Verband fordert einheitliche Lösungen, Förderung für Elektrofahrzeuge und sieht vor allem die Kommunen in der Pflicht, das Zusammenspiel aller an der Logistik beteiligten Akteure zu konzertieren.

Ganz konkret wurde es bei Jasper Kolb, Senior Product und Business Development Manager bei Zalando. Er berichtete davon, dass die Bereitschaft seiner Kunden, höhere Preise für die Belieferung nach Hause zu zahlen, sehr niedrig sei. Das mache alternative Zustellmethoden schwierig. Zalando setze daher auf Synergieeffekte durch die Zusammenarbeit mit Lieferdiensten und Kiosken. Innovative Transportmittel wie Lastenräder Kolb als problematisch, da die Akzeptanz bei den Kurier-Fahrern nicht sehr ausgeprägt sei.

In einem technischen "Deep Dive" erläuterte Carsten Simon, Entwicklungsingenieur Intelligent Functions die Entwicklungen der IAV im Bereich "automatisierte intelligente Transportsysteme". Die mehr als zehnjährige Erfahrung seines Unternehmens für Assistenzsysteme für PKW kommen der Entwicklung von autonom fahrenden Fahrzeugen zugute. Sowohl Soft- als auch Hardware, schienengebunden und auf der Straße, Lidar- Radar- und optische Systeme stehen in den Labors des Unternehmens auf der Agenda.


Lina Eddisi ist Head of Incubation bei Continental und stellte das Unternehmensinterne Start-Up-Förderungsprogramm vor und eine Studie für ein urbanes Auto der Zukunft das nicht nur elektrisch, sondern geteilt, autonom und vernetzt unterwegs ist: Das Robotaxi bee.

In der Maker Space des Motion Lab in Berlin Treptow können junge Unternehmen neue Ideen nicht nur entwickeln, sondern gleichzeitig Prototypen wirklich bauen. Das Unternehmen wurde von Fridtjof Gustavs gegründet und bietet mittlerweile zahlreichen Entrepreneuren Raum zum Zusammenarbeiten und ausprobieren.

Was dabei herauskommt, wenn Tüftler und Erfinder sich dem Logistikfahrzeug der Zukunft widmen, zeigten Jonas Kremer, CEO Cit-Kar mit dem Loadster – einem überdachten eBike für die letzte Meile und Beres Seelbach, CEO von Tretbox. Ihre Lastenräder sollen Lieferfahrern möglichst großen Komfort und Wetterschutz bieten und gleichzeitig das Problem verstopfter Städte lösen.

Einen Ausblick auf zukünftige Mobilitätslösungen gewährte Raúl Rojas, Professor für künstliche Intelligenz, FU Berlin. Er referierte über Künstliche Intelligenz und autonomes Fahren "Wie verändern neue Technologien den urbanen Verkehr der Zukunft?" so der Titel seines Vortrags. Er ist davon überzeugt, dass es Menschen in einer nicht allzu fernen Zukunft verboten sein wird, Fahrzeuge selbständig zu fahren, da die Automatisierung deutlich höhere Sicherheit im Straßenverkehr bietet.

In der abschließenden Fishbowl-Diskussionsrunde diskutierten die Teilnehmer des Forums, welches radikale Fahrzeugkonzept sich zuerst durchsetzen und dabei auch wirtschaftlich tragfähig sein wird und ob autonome Fahrzeuge eher im Lieferverkehr oder in der städtischen Reinigung auf die Straße kommen als autonome Pkw im Personenverkehr.