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Smart Mobility Forum #4 in historischer Kulisse

28.09.2017 | News

Sektorenkopplung - Smart Mobility Forum #4

Über Dekarbonisierung im Verkehr durch Sektorenkopplung - darüber haben rund 50 Experten der Mobilitäts- und der Energiebranche auf Einladung der eMO und Stromnetz Berlin ausgerechnet im Kraftwerk Moabit diskutiert.

Die Kopplung der Sektoren Energiewirtschaft und Verkehr durch Elektromobilität stand im Mittelpunkt des vierten Smart Mobility Forums, das die eMO gemeinsam mit der Stromnetz Berlin GmbH im Kraftwerk Moabit durchführte.

Dass die Energiewende Berlin vor große Herausforderungen stellt, machte Dr. Felix Groba von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe gleich im ersten Referat eindringlich deutlich: Deutsche Großstädte emittierten vergleichsweise genauso viel klimaschädlichen Emissionen wie ganze Staaten in weniger entwickelten Regionen des Globus‘. Dementsprechend seien die Maßnahmen im Berliner Klimaschutzgesetz, das noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll,  anspruchsvoll und nur mit der gemeinsamen Anstrengung aller relevanten Akteure umzusetzen, so Dr. Groba.

Wie sich ein Stromsystem mit 100 Prozent erneuerbarer Mobilität verhält und welcher Mix aus batterieelektrischen und mit Wasserstoff betriebenen Fahrzeugen sinnvoll ist, zeigte die Geschäftsführerin des Reiner Lemoine Instituts, Dr. Kathrin Goldammer auf. Sie plädierte für einen hohen Anteil an Wasserstoff aus erneuerbarem Strom, um maximale Flexibilität und möglichst geringe Infrastrukturkosten bei ansteigenden Zahlen der Elektromobilität zu garantieren.

In der dritten Keynote von Gerhard Bressler von der Stromnetz Berlin wurde deutlich, dass die Energiewende nur mit Sektorenkopplung gelingen kann. Mittlerweile sind 250 so genannte Micro Smart Grids in Berlin in Betrieb, die durch die dezentrale erneuerbare Stromversorgung und auch ortsnahen Verbrauch in Betrieb gut mit dem laufenden Netzausbau in Einklang zu bringen sind, so Bressler. Sein Unternehmen hat ausgerechnet, dass bei einem Anteil von 20 Prozent Elektrofahrzeugen, die an öffentlich zugänglichen Ladesäulen laden, rund 140 MVA mehr Leistung im Stromnetz zur Verfügung gestellt werden müssten. Sowohl worst-case- als auch best-case-Szenarien (alle laden gleichzeitig vs. Elektroautos in Haushalten werden zeitversetzt geladen) werden als unkritisch gesehen. Bressler plädierte für Anreize zum gesteuerten Laden durch flexible Tarife für Endverbraucher. Sein Fazit: Das Berliner Stromnetz ist bereit für die Elektromobilität.

Heinrich Coenen von der BVG stellte die Mobilitätsstrategie des größten deutschen Nahverkehrsunternehmens jenseits von U-Bahn, Bus und Tram vor. Die BVG hat bereits im vergangenen Jahr die eigene PKW-Flotte mit 100 Fahrzeugen komplett auf Elektromobilität umgestellt, wird sich in Zukunft an Sharingdiensten versuchen und führt bereits heute Pilotprojekte zum autonomen Fahren mit Shuttlebussen durch.

Wie sich erneuerbare Mobilität in neuen städtischen Quartieren integrieren lässt, berichtete Anja Menge von der UTB Projektsteuerungsgesellschaft anhand des "neuen Gartenfelds", einer seit Jahrzehnten industriell genutzten Insel im Tegeler See, die nun mit Wohnhäusern entwickelt wird. Hier soll ein integratives Mobilitätskonzept von Anfang an für Verkehrsvermeidung bei einem Höchstmaß an Mobilität für die Bewohner sorgen.

komDRIVE – so heißt ein Projekt der Technischen Universität Berlin, das untersucht hat, wie sich gesteuertes Laden von Elektrofahrzeugen auf Stromnetze und Energiemärkte auswirkt. Vorgestellt wurde es von Dr. Wulf-Holger Arndt vom Zentrum für Technik und Gesellschaft der TU Berlin. Er berichtete zudem von weiteren Projekten zur sektorübergreifenden Mobilität.

Frank Christian Hinrichs von der inno2grid forderte in seinem Vortrag "endlich anzufangen". Er will die Verbindung von der Produktion von erneuerbarem Strom und nachhaltiger Mobilität in Quartieren, in Arealen und in kleinen intelligenten Netzen umsetzen. Dass dafür ein Wechsel von Routinen stattfinden und festes Rollenverhalten aufgebrochen werden müssen, daran arbeitet er mit seinem Unternehmen und forderte alle Teilnehmer der Veranstaltung auf, tätig zu werden.

Akzeptanz und Vertrauen in die Verkehrs- und Energiewende sind eines der Hauptanliegen des mobility2grid Forschungsvorhabens auf dem Euref-Campus in Berlin Schöneberg. Andreas Laske von Siemens stellte vor, wie daran gearbeitet wird, die Netzdienlichkeit von Elektromobilität verstehbar und einsetzbar zu machen.

Welche Rolle die Technologie der Blockchain für die Abrechnung von Ladevorgängen von Elektroautos oder für die Verrechnung von erneuerbarem und ortsnah erzeugtem Strom auch z.B. zwischen Nachbarn spielen kann, erklärte Prof. Jens Strueker von der Hochschule Fresenius. Geschicktes Abstimmen von Transaktionen in Verteilnetzen inklusive des Ladens von Batterien kann seines Erachtens mithilfe der Blockchain sehr genau durchgeführt werden. Das Ziel: Versorgung einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur mit funktionierenden Abrechnungssystemen.

"Ein Auto ist eigentlich eine große Batterie auf vier Rädern", behauptete Nicolai Woyczechowski von der finnischen Firma Virta International. Seine Lösung für die Netzintegration von Elektromobilität: Eine Software für agentenbasiertes Laden von elektrischen Flotten.

Wie digitales Betriebshofmanagement mit dem Lademanagement von Elektroautoflotten kombiniert werden kann, erläuterte Frank Meißner von Carano. Im Projekt "emobility scout" wird gemeinsam mit der BVG und dem Flughafen Stuttgart eine entsprechende Software entwickelt.

In der abschließenden Diskussionsrunde mit allen Referenten des Tages stellte der Leiter der eMO, Gernot Lobenberg, fest: Offenbar sind viele Akteure auch und vor allem in Berlin sehr engagiert und bereit, Pilotprojekte durchzuführen und auch Geschäftsmodelle im Bereich Sektorenkopplung in den Markt zu bringen. Was fehle seien die großen Hersteller, die ihre Elektrofahrzeuge so entwickeln müssten, dass gesteuertes oder bidirektionales Ladens möglich werde.